In diesem Artikel erfährst du, warum es die logische Folge meiner inneren Haltung ist, anderen Menschen ihre Herausforderungen zuzugestehen. Langfristig ist niemandem damit geholfen, wenn wir ihm in herausfordernden Situationen sein “Gepäck” abnehmen.

 

Ein Unfall

Vorhin hatte ich mich gerade gemütlich an meinen Laptop gesetzt und den ersten Satz für einen neuen Blogartikel geschrieben. Da passierte etwas Unerwartetes:

Ich höre lautes Klopfen an meiner Tür (ich habe keine Klingel) und dass jemand aufgeregt meinen Namen ruft. Hm, was ist denn da los? Ich gehe schnell zur Eingangstür, während das Rufen und Klopfen anhält.

Als ich die Tür öffne sehe meine Nachbarin aufgelöst mit blutiger Hand vor meiner Tür stehen. Sie sagt, dass sie ins Krankenhaus muss. Ich sage ihr, dass ich sie fahre und fange gleich an mich anzuziehen. Innerhalb kürzester Zeit machen wir uns auf den Weg.

 

Was ist passiert?

Meine Tochter ist gerade bei ihrer Oma und in guten Händen, doch die Tochter meiner Nachbarin kommt raus und sieht Verletzung ihrer Mutter. Sie ist sehr erschrocken und bekommt große Angst. Sie hat Angst, dass ein Finger ab ist. Meine Nachbarin schaut flüchtig auf ihre Hand, die sie bisher noch gar nicht bewusst angeschaut hatte und kann ihre Tochter zumindest so weit beruhigen, dass alle Finger noch dran sind.

Es ist wirklich keine ansehnliche Verletzung, die meine Nachbarin sich im Pferdestall zugezogen hat. Sie weiß selbst nicht genau wie es passiert ist. Als ich genauer auf ihre Hand schaue sehe ich, dass ein Loch in der Handfläche ist. Das war wohl ein Zinken der Mistgabel, die ein Pferd erwischt hat, als es plötzlich erschrak und ausschlug.

Ich bringe sie zur Notaufnahme und nehme im Wartebereich Platz. Dann rufe ich die Familie meiner Nachbarin an und informiere sie. Anschließend habe ich Zeit selbst zu realisieren, was gerade geschehen ist.

 

Mitleid und Sorgen

 

Annehmen was ist

Ich spüre in mich hinein und nehme eine große Aufregung und Anspannung in mir wahr. Die Empfindung im Körper fühlt sich intensiv an, es ist ein warmes, kribbeliges Gefühl im Bauch und Brustbereich.

Mir kommt die Verletzung wieder in den Sinn und ich beginne mir Sorgen zu machen. Hoffentlich lässt sich die Hand wieder herstellen. Sie sah wirklich nicht gut aus. Meine Gedanken laufen weiter, bis ich bereit bin, bewusster zu werden.

Es ist ok. Ich traue meiner Nachbarin zu, mit allem umzugehen, womit das Leben sie herausfordert. Mitleid und Sorgen sind keine wertvolle Unterstützung. Es ist ok.

 

Innere Klärung

Ich schaue weiter in mein Inneres. Wozu erlebe ich diese Situation?

Bevor ich plötzlich durch den Unfall meiner Nachbarin unterbrochen wurde, wollte ich gerade einen Blog-Artikel darüber schreiben, dass Harmonie kein ein dauerhafter, ständig anhaltender Zustand sein kann. Das Leben fordert uns immer wieder heraus und bietet uns dadurch immer wieder die Möglichkeit innerlich zu lernen und zu wachsen.

Wenn ich diese Haltung für mein Leben einnehme, dann hat das auch Folgen für meine Haltung anderen Menschen gegenüber.

Diese am Lernen und Wachsen orientierte Haltung, zieht logische Konsequenzen mit sich. Wenn es mir ernst damit ist und ich sie aufrichtig leben will, dann nehme ich nicht nur die Schwierigkeiten und Herausforderungen meines eigenen Lebens an. Ich gestehe auch anderen Menschen ihre Lern- und Wachstumserfahrungen zu.

 

Mitgefühl und Vertrauen

Da ich so nah miterlebt habe, wie große Schmerzen meine Nachbarin hatte, wie durcheinander sie war und was sich bei ihr direkt nach dem Unfall abgespielt hat, empfinde ich großes Mitgefühl für sie. Ich wünsche ihr von Herzen, dass sie alles gut übersteht und ihre Hand wieder voll einsatzfähig sein wird.

Doch egal was dieser Unfall für sie und ihr Leben bedeutet, ich vertraue darauf, dass er einen Sinn hat. Und auch alle Folgen, die für sie dadurch entstehen, haben einen Sinn. Es liegt allerdings nicht im Bereich meiner Verantwortung ihn zu erkennen.

Wenn sie bereit ist, hinter die Geschehnisse zu schauen, wird sie Antworten finden. Es werden sich für sie Möglichkeiten auftun, etwas Wertvolles aus ihrem Unfall mitzunehmen.

Wenn sie nicht dazu bereit ist, ist das ok! Vielleicht wird sich das Leben dann einen anderen Weg suchen, sich ihr mitzuteilen.

Wenn ich mein eigenes Leben mit all seinen Herausforderungen annehme, nehme ich im gleichen Zuge an, dass auch andere ihre individuellen Herausforderungen haben. Auch dann, wenn diese von außen betrachtet hart oder unschön sind.

 

Grenzen deiner Verantwortung

 

Klare Haltung

Diese Haltung ist für mich als Coach essenziell. Wenn Menschen zu mir kommen, um Unterstützung zu erhalten, wird diese nur sehr begrenzt sein, wenn ich sie in Hinsicht auf ihre Herausforderungen bemitleide. Als Coach und Mensch auf dem inneren Weg, ist es wichtig, mir immer wieder meinen Verantwortungsbereich und nötige Grenzen bewusst zu machen.

 

Eifrige Helfer

Werden diese Grenzen nicht bewusst gezogen, kann man sich (nicht nur als Coach oder Therapeut) einiges unnötiges Gepäck aufladen. Menschen, die die Tendenz haben, sich „übergriffig“ um andere zu sorgen und zu kümmern, öffnen sich dafür, das Gepäck und die Herausforderungen anderer mitzutragen. Sie glauben, sie täten den „armen Leidenden“ etwas Gutes.

Doch kannst du dir vorstellen, dass es das Leben auch dann gut mit ihnen meint, wenn es sie mit schmerzvolle Erfahrungen konfrontiert? Kannst du derartige Lern- und Wachstumsmöglichkeiten für dich selbst annehmen und anderen zugestehen?

Ich sehe es so, dass das Leben uns auch dann „beschenkt“ wenn wir harten oder leidvollen Herausforderungen gegenüberstehen. Unsere Aufgabe besteht darin, die Geschenke zu erkennen und anzunehmen.

Wenn eifrige Helfer nun also ein Stück des Geschenkes annehmen, das gar nicht für sie selbst bestimmt ist, machen sie sich ihren eigenen Weg durch diese “Fremdlast” schwerer als nötig. Derjenige hingegen, für den das Geschenk bestimmt war, wird dessen beraubt! Vielleicht hätte es ihm lebensverändernde Erkenntnisse ermöglicht. Doch weil er zugelassen hat, dass jemand anderes auch etwas davon bekommt, kann er nicht so viel aus der Erfahrung mitnehmen. Dann muss das Leben sich wohl etwas Neues einfallen lassen, um ihm seine Lernerfahrung zu ermöglichen. Möglich, dass dann wieder etwas Unschönes passiert…

 

Opfer- und Täteraspekte

Wer sich schon näher mit dieser Thematik beschäftigt, erkennt vielleicht bereits, dass jede Rolle in diesem –  ich nenne es mal “Retter-Drama” – zwei Seiten hat.

Die Bezeichnungen Opfer und Täter mögen für Menschen, die derartige Dramen noch nie bewusst reflektiert haben hart klingen. Diese Worte beziehen sich auf die innere Haltung und Beziehungsmuster, die in unserer Kultur vorherrschen.

Der vermeintliche Helfer will dem Opfer seine Last abnehmen. Er wird dadurch zum Täter, denn er spricht dem Opfer die Fähigkeit ab, selbst seine Herausforderungen zu tragen. Er übernimmt mehr Verantwortung, als für ihn selbst angemessen und gesund ist. Im Grunde macht er sich dadurch selbst zum Opfer, das die Last anderer (wenn auch freiwillig) trägt.

Das vermeintliche Opfer hingegen lässt zu, dass ihm jemand seine Last abnimmt. Er wird einerseits seiner Möglichkeit beraubt die Herausforderung zu meistern und daran zu wachsen. Andererseits lässt er es zu, dass andere für ihn Verantwortung übernehmen! In seiner Opferhaltung wird er selbst zum Täter, der anderen seine Last übergibt.

Mehr Informationen zu diesem Thema findest du in meinem Blog-Artikel Opfer, Täter, Retter – Aussteigen aus dem Drama.

 

Verantwortung zugestehen

 

Geliebte Menschen

Je näher uns jemand steht, desto schwieriger ist es in der Regel, uns gesund abzugrenzen.

Ich mag meine Nachbarin sehr, dennoch spielt sie keine zentrale Rolle in meinem Leben. Daher habe ich zwar ein wenig Zeit gebraucht, bis ich mich innerlich wieder geordnet und aufgestellt habe, doch es ist mir ohne große Prozesse gelungen.

Bei Personen, die mir besonders nahe stehen, ist das nicht immer so leicht. Da muss auch kein schwerer Unfall passieren, bis die Helferin in mir aktiviert wird ich und meinen gesunden Verantwortungsbereich verlasse.

    

Erlebnisse, die uns stark triggern

Wenn es uns nicht gelingt, uns aus den Herausforderungen Anderer in angemessener Form herauszuhalten, dann kann dies folgenden Grund haben:

Wir werden durch das, was jemand anderes erlebt getriggert, ein eigenes Thema wird berührt und nach außen projiziert. Vielleicht ist es ein schmerzvolles oder sehr emotionales Thema, dem wir uns lieber nicht stellen wollen. Wir ziehen es vor, im Leben anderer aktiv zu werden, statt den eigenen Helferimpuls zu hinterfragen.

Im Grunde ist so ein starker Trigger eine deutliche Einladung, genauer in uns selbst hineinzuschauen. Wenn wir uns damit überfordert fühlen, ist es vollkommen ok, wenn wir uns von einem Coach oder Therapeuten unterstützen lassen. Doch dann bitte darauf achten, sich jemanden zu suchen, der einem die eigenen Herausforderungen zugesteht!